Jestetter @rchiv

Ausschnitt aus:
 

Friedrich Engels:
Die deutsche Reichsverfassungskampagne, Teil IV
geschrieben 1849/50
 
Friedrich Engels beschreibt den Rückzug der Revolutionstruppen im Juli 1849.


Zwischen den Kantonen Zürich und Schaffhausen liegt ein kleiner Strich badischen Gebiets mit den Ortschaften Jestetten und Lottstetten, der bis auf einen schmalen Zugang, bei Baltersweil, ganz von der Schweiz umschlossen ist. Hier sollte die letzte Position gefaßt werden. Die Höhen hinter Baltersweil zu beiden Seiten der Straße boten vortreffliche Stellungen für unsre Geschütze, und unsre Infanterie war noch zahlreich genug, sie zu decken, bis sie im Notfall das Schweizer Gebiet erreicht hätten. Hier, so wurde ausgemacht, sollten wir erwarten, ob die Preußen uns angreifen oder aushungern würden. Das Gros, dem Becker sich angeschlossen hatte, bezog hier ein Lager. Willich hatte die Position für die Geschütze ausgesucht (später fanden wir dort ihre Parks, wo ihre Gefechtstellung sein sollte). Wir selbst bildeten die Arrieregarde und zogen langsam dem Gros nach. Am 9. abends gingen wir nach Erzingen, am 10. nach Riedern. An diesem Tage wurde im Lager ein allgemeiner Kriegsrat gehalten, Willich allein sprach für die weitere Verteidigung, Sigel, Becker und andre für den Rückzug auf Schweizer Gebiet. Ein Schweizer Kommissär, ich glaube Oberst Kurz, war dagewesen und hatte erklärt, falls noch ein Kampf angenommen würde, werde die Schweiz kein Asyl geben. Bei der Abstimmung blieb Willich mit zwei oder drei Offizieren allein. Von unserm Korps war außer ihm niemand zugegen.

Noch während Willich im Lager war, erhielt die bei uns befindliche halbe Batterie Befehl zum Abmarsch und entfernte sich, ohne daß uns die geringste Anzeige gemacht wurde. Auch alle andern Truppen außer uns erhielten Befehl, ins Lager zu kommen. In der Nacht fuhr ich abermals mit Willich ins Hauptquartier nach Lottstetten; als wir bei Tagesanbruch zurückfuhren, begegneten wir auf der Straße der ganzen Gesellschaft, die aus dem Lager aufgebrochen war und sich in der wildesten Verwirrung der Grenze zuwälzte. An demselben Tage, am 11. frühmorgens, ging Herr Sigel mit seinen Leuten bei Rafz, Herr Becker mit den seinigen bei Rheinau auf Schweizer Gebiet. Wir konzentrierten unser Korps, folgten ins Lager und von da nach Jestetten. Hier erhielten wir gegen Mittag durch einen Ordonnanzoffizier einen Brief Sigels von Eglisau, daß er sich bereits glücklich in der Schweiz befinde, daß die Offiziere ihre Säbel behielten und daß wir möglichst bald nachkommen sollten. Man dachte erst an uns, als man auf neutralem Boden war!

Wir marschierten durch Lottstetten bis an die Grenze, biwakierten die Nacht noch auf deutschem Boden, schossen am Morgen des 12. unsre Gewehre ab und betraten dann, die letzten der badisch-pfälzischen Armee, das Schweizer Gebiet. An demselben Tage, gleichzeitig mit uns, wurde auch Konstanz von dem dortigen Korps verlassen. Eine Woche später fiel Rastatt durch Verrat, und die Kontrerevolution hatte für den Moment wieder Deutschland bis auf den letzten Winkel erobert.


J@ - Jestetter @rchiv